Farbmäuse

Die Farbmaus (Mus musculus f. dom.) ist die domestizierte Zuchtform der Hausmaus (Mus musculus). Sie wird seit Jahrhunderten gezielt gezüchtet und ist in vielen Bereichen des menschlichen Lebens verbreitet. Als Labortier für die wissenschaftliche Forschung und Futtertier in der Terraristik ist die Farbmaus äußerst beliebt. Insbesondere aus Laborstämmen sind interessante Farbmutationen entstanden, welche für die seit etwa 150 Jahren bestehende Standardzucht interessant sind. In der Heimtierhaltung wurde der Farbmaus zwischenzeitlich von anderen Kleinnagern wie der Mongolischen Rennmaus (Meriones unguiculatus) der Rang abgelaufen. Dennoch bleibt sie weiterhin beliebt und hat ihre Fans.

Merkmale

Je nach Zuchtform erreichen Farbmäuse eine Kopf-Rumpf-Länge von 7 bis 11 cm, eine Schwanzlänge von 7 bis 10 cm (vgl. Umweltbundesamt 2019). Das Gewicht kann von etwa 15 bis 80 g reichen, wobei die Tiere aus der Showzucht am größten und schwersten sind. (vgl. Becker 2011a)
Der Körperbau ist lang gestreckt, der Schädel ist länglich mit breiter Stirn, spitzem Gesicht, mittelgroßen Augen und runden Ohren. Das Fell ist kurz und dicht (Ausnahmen sind Zuchtformen mit veränderter Fellstruktur). Der mehr oder weniger körperlange Schwanz ist fast unbehaart.

Verbreitung und Lebensraum

Die Wildform Mus musculus hat ihren Ursprung in den Steppen Mittelasiens und ist durch ihre Fähigkeit, sich an menschliche Lebensräume anzupassen, zum Inbegriff des Kulturfolgers geworden. (vgl. Stolze 2017) Bereits in der jungsteinzeitlichen Funden menschlicher Behausungen in Anatolien wurden Nachweise für Hausmäuse als Untermieter gefunden. Etwa vor 6000 Jahren erreichte die Art auf dem Landweg Mitteleuropa, vor 2000 Jahren kam sie mit den Römern auf die Britischen Inseln und in den letzten 1000 Jahren gelangten sie in Schiffen und Flugzeugen nach Amerika, Afrika, Australien und die entlegensten Inseln. Jenseits des ursprünglichen Lebensraums (Steppen, Halbwüsten und Kulturland) bewohnt die Hausmaus vor allem menschliche Siedlungen und dringt dort als Vorratsschädling bis in die unmittelbare Nähe des Menschen vor.
In Deutschland kommen zwei Unterarten vor: Die westliche Hausmaus (Mus musculus domesticus) und die Östliche Hausmaus (Mus musculus musculus). Ebenso besteht eine Hybridpopulation im östlichen Schleswig-Holstein, wo beide Unterarten  aufeinandertreffen und sich vermischen (vgl. Umweltbundesamt 2019).  Die Farbmaus ist wahrscheinlich ein Mosaik aus mehreren Unterarten.

Die gezielte Züchtung hat wahrscheinlich ihren Ursprung in China, jedoch gibt es auch antike Belege für die Zucht weißer Mäuse in kretischen Tempeln und im Alten Ägypten. Die Heimtierzucht begann im 18. Jahrhundert in Japan und hat sich dann nach Amerika und Europa Weg gebahnt. Der erste Zuchtverein (National Mouse Club) wurde 1895 im viktorianischen England gegründet. Im gleichen Jahr fand auch die erste offizielle Zuchtschau statt. (Zur Geschichte der Farbmaus siehe Royer 2015)

Lebensweise

Farbmäuse sind tag- und nachtaktiv, wobei sich ihre Hauptaktivitätszeit auf die Dämmerungsstunden konzentriert. Natürlicherweise leben Hausmäuse in Familienverbänden. Fremde Artgenossen werden nicht in der Nähe geduldet. Während Weibchen ausgesprochen friedlich sind, sind Männchen untereinander sehr unverträglich. Die Haltung von mehr als einem geschlechtsreifen Männchen führt zu Dauerstress und oft auch dem Tod eines oder mehrerer Tiere.

Farbmäuse können schnell laufen, weit und hoch springen, sehr gut klettern und ausgezeichnet schwimmen. Die Aktivitätsphasen werden zur vor allem Nahrungssuche und dem Sammeln von Vorräten genutzt. Zudem verwenden die Tiere viel Zeit in soziale Interaktion und Nestbau. Weiterhin zeigen die sehr neugieren Mäuse ein ausgesprochen ausgeprägtes Erkundungsverhalten.

Haltung

Farbmäuse sind sehr soziale Tiere und sollten nicht einzeln gehalten werden. Am besten für die Heimtierhaltung eignet sich eine Gruppe von drei bis zehn Weibchen und/oder kastrierten Männchen.

Bezüglich der Unterbringung gibt es verschiedene Ansichten und Möglichkeiten. Entgegen aller Behauptungen auf anderen Webseiten, in Foren und Facebook-Gruppen gilt das sogenannte Säugetiergutachten (BMEL 2014) nicht für die Farbmaus. Aus diesem Grund können Laborbetriebe ihre Modelltiere auch legal in sehr kleinen Käfigen halten. Einzig die ETS 123 des Europarats (2006) steckt die absoluten Mindestmaße ab, an welche sich die meisten staatlichen oder staatlich kontrollierten Institute und Betriebe halten. Diese Verordnung sieht Mindestfläche von 330 cm² bei einer Höhe von 12 cm für bis zu drei erwachsene Farbmäuse (>30 g) vor. Das wäre etwa eine Käfigfläche von 15 x 22 cm. Weitaus fortschrittlicher und mehr an die Bedürfnisse der Mäuse angepasst sind Empfehlungen von 80 x 50 x 80 cm (TVT 2013) oder 100 x 50 x 50 cm (Noack 2015) für jeweils eine kleine Gruppe. In der Zuchthaltung werden diese Abmessungen oft nicht erreicht. Die Empfehlung des National Mouse Club (2013) ist 46 x 30 x 18 cm (18" x 12" x 7"). Ich selbst habe in der Zuchthaltung größtenteils Laborkäfige Typ IV genutzt. Diese haben die Abmessungen 59 x 38 x 20 cm.

Bezüglich der Behausung gibt es diverse Möglichkeiten. Während der Zoofachhandel vor allem Gitterkäfige mit Plastikwanne bereit hält, haben sich viele Online-Shops auf Holzkäfige oder -terrarien für Nagetiere spezialisert. Bis vor einigen Jahren hat man noch häufiger sogenannte Mäusetische gesehen. Die offene Haltung ist jedoch selten geworden, während der Umbau von Schränken und Kommoden ebenso wie die Volieren immer mehr Zuspruch finden. In der Zuchthaltung werden häufig noch die relativ teuren Laborkäfige verwendet, jedoch nutzen immer mehr Züchter_innen stapelbare Aufbewahrungsboxen aus Kunststoff, die mit Belüftungsgittern versehen werden.

 

Wichtig ist eine etwa 10 cm hohe Schicht von möglichst staubarmer und saugfähiger Einstreu. Bei der weiteren Einrichtung des Käfigs kann der Fantasie freien Lauf gelassen werden. Der Zoohandel bietet ausreichend Kletter- und Versteckmöglichkeiten aus allen Materialien und für jeden Geschmack. Ebenso können selbst gesammelte Äste von Obstbäumen, Weide, Hasel und anderen ungiftigen Sorten eingebracht werden. 

Es gibt viele mitgliederstarke Online-Communities, die sich mit der Haltung von Farbmäusen auseinandersetzen. Einige Erkenntnisse oder Meinungen werden in den einen stärker oder schwächer propagiert. Häufige Streitthemen sind die Vorteile und Nachteile von Einrichtung aus Kunststoff oder Naturmaterialien. Unzweifelhaft gibt es Argumente für und gegen einige Materialien, jedoch ist ein undogmatischer Zugang zu empfehlen.

Ernährung

Die Farbmaus und ihre Wildform, die Hausmaus, sind omnivor. In erster Linie werden mehlhaltige Samen aufgenommen, jedoch auch andere Pflanzenteile ebenso wie tierische Nahrung. (vgl. Umweltbundesamt 2019)
Je nach Lebensraum und Angebot gibt es jedoch auch Berichte von Hausmauspopulationen in Getreidesilos, in Kühlhäusern oder auf Inseln, die sich mangels Alternativen ausschließlich von Weizen, Schweineschinken oder Seevögeln ernähren (vgl. Wanless et al 2007).
Die umfangreiche Forschung an Farbmäusen hat auch dazu geführt, dass genaue Erkenntnisse über ihren Nahrungsbedarf vorhanden sind (vgl. Subcommittee on Laboratory Animal Nutrition 1995). Speziell für die Laborhaltung entwickeltes Pelletfutter enthält alle Nährstoffe im optimalen Verhältnis und wird dort zusammen mit ausreichend Trinkwasser als Alleinfutter angeboten. Der Zoofachhandel bietet darüber hinaus eine große Bandbreite an verschiedenen Futtermischungen für Farbmäuse. Einige Halter_innen mischen ihr Grundfutter aus einen großen Zahl von Komponenten selbst. Die jeweiligen Formen der Fütterung haben alle ihre Vor- und Nachteile. Hier spielt nicht nur die optimale Deckung des Tagesbedarfs eine Rolle, sondern auch die sinnliche Anregung der Tiere oder finanzielle Aspekte. Grundsätzlich sollte eine ausgewogene Ernährung etwa 14-19 % Protein und 3,5 % Fett beinhalten. Das Verhältnis von Calcium zu Phosphor sollte 1:0,7 sein. Zucht- und Aufzuchtfutter sollte etwas höhere Protein- und Fettanteile aufweisen. (siehe auch Becker 2011b)


Frischfutter in Form von Gemüse, Obst, Gräsern, Kräutern und belaubten Zweigen wird gern angenommen. Einige Tiere zeigen deutliche Präferenzen für das eine oder andere Futter. Bei den meisten Mäusen ist jedochsüßeres Obst beliebter als Gemüse. Trinkwasser sollte immer vorhanden sein.

Rohnährstoffe Mineralstoffe
Rohprotein 22,00 %   Calcium 1,00 %
Rohfett 4,50 %   Phosphor 0,70 %
Rohfaser 3,90 %   Natrium 0,25 %
Rohasche 6,80 %   Magnesium 0,20 %
Ausgewogene Futterzusammensetzung für Zuchttiere und Jungtiere nach Becker (2011b)

Zucht

Es gibt kaum etwas Einfacheres, als zwei Farbmäuse unterschiedlichen Geschlechts zur Fortpflanzung zu bewegen. Dass sich Mäuse ohne Kontrolle innerhalb kürzester Zeit explosionsartig vermehren können, ist allgemein bekannt.

Weibliche Farbmäuse sind alle drei Tage fruchtbar, durchschnittlich 20 - 21 Tage nach der Paarung kommen bis zu 12 (meist 5 - 10) Junge zur Welt. Die Welpen sind bei der Geburt nackt, blind und taub. Das Fell tritt bereits etwa am dritten Lebenstag durch die Haut. Zur gleichen Zeit öffnen sich die Ohren. Mit spätestens zwei Wochen sind auch die Augen geöffnet und die Jungen beginnen mit der Aufnahme fester Nahrung. Bereits mit 21 Tagen sind die Tiere entwöhnt und sollten im Alter von 30 Tagen, mit dem Einsetzen der sexuellen Reife, nach Geschlechtern getrennt abgesetzt werden. 

Während Männchen bereits mit 8 bis 10 Wochen zuchtreif sein können, sollten Weibchen beim ersten Zuchteinsatz mindestens 12 Wochen (vgl.  Burzynski 2007) oder besser 16 Wochen alt sein (vgl. Henwood 1992). 


Die Zucht in großen Kolonien (schlecht kontrollierbar) ist ebensowenig zu empfehlen, wie die dauerhafte Paarhaltung (dauernde Neubelegung). Wird eine Standardzucht mit Rassefarbmäusen angestrebt, ist es sinnvoll, sich einer Zuchtvereinigung anzuschließen, dort zu informieren und auch die ersten Zuchttiere von erfahrenen Züchter_innen zu beziehen. Eine gewissenhafte Farbmauszucht braucht viel Platz und kostet Zeit.

 

Da sich unkastrierte Männchen für die Heimtierhaltung nicht eignen, kommen die wenigsten Zuchten ohne das Verfüttern von männlichem Nachwuchs aus. Oftmals ist es aber auch gerade der Bedarf an Futtertieren, der den Gedanken an die Zucht von Farbmäusen reifen lässt. Für diesen Fall stellt Burzynski (2007) ein relativ simples und effektives Zuchtsystem vor. Hier leben Weibchen in Kleingruppen zusammen. Für den Zuchteinsatz wird ein Weibchen zu einem Männchen gesetzt und nach zwei Wochen wieder zurück in die Weibchengruppe überführt. Die Gruppe zieht den Wurf gemeinschaftlich auf.

Damit das Männchen nicht allein lebt, gibt es unterschiedliche Möglichkeiten. Zum Beispiel kann das Männchen direkt im Anschluss mit einem Weibchen aus einer anderen Gruppe vergesellschaftet werden. Hier schließt sich jedoch auch ein Deckakt mit weiterem Wurf an. Burzynski empfiehlt die Vergesellschaftung mit einem frisch abgesetzten Jungmännchen. Jedoch ist dies nur eine kurzfristige Lösung, relativ aufwändig und nicht mit jedem Individuum zu machen. Zudem sind nicht immer passende Jungmännchen vorhanden. Verbunden mit einem gewissen finanziellen Einsatz ist die beste Lösung sicherlich ein kastriertes Männchen als dauerhaften Käfiggenossen, der auch während des Deckeinsatzes beim Zuchtmännchen bleiben kann. So muss nicht ständig neu vergesellschaftet werden.

Literatur

Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) (2014): Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren. http://www.bmel.de/DE/Tier/Tierschutz/Tierschutzgutachten/_texte/HaltungSaeugetiere.html

 

Becker, A. (2011a): Gewicht. http://farbmaus-rassezucht.de/farbmaeuse/allgemeines/gewicht/gewicht_all.htm


Becker, A. (2011b): Beispiel für ein ernährungsphysiologisch gerecht zusammengesetztes Mäusefutter. http://farbmaus-rassezucht.de/farbmaeuse/ernaehrung/zusammensetzung/zusammensetzung_all.htm
 

Burzynski, S. (2007): Zuchtpraxis. http://www.projekt-biomaus.de/

 

Europarat (2006): Appendix A. Guidelines for accomodation and care of animals (Article 5 of the Convention). Europäisches Übereinkommen zum Schutz der für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke verwendeten Wirbeltiere.

 

Henwood, C. (1992): Fancy Mice. TFH Publications.

 

National Mouse Club (2013): For The Newcomer. http://www.thenationalmouseclub.co.uk/newcomer.php

 

Noack, C. E. (2015): Farbmaus. http://www.das-maeuseasyl.de/doku.php/arten/farbmaus

 

Royer, N. (2015): The History of Fancy Mice. http://www.afrma.org/historymse.htm

 

Stolze, C. (2017): Eine Maus beißt sich durch. Max-Planck-Forschung (4). S.54 - 63. https://www.mpg.de/11901153/W003_Biologie_Medizin_056-063.pdf

 

Subcommittee on Laboratory Animal Nutrition (1995): Nutrient Requirements of the Mouse. In: Nutrient Requirements of Laboratory Animals, Fourth Revised Edition, 1995. https://www.nap.edu/read/4758/chapter/5#87

 

Tierärztliche Vereinigung für Tierschutz (2013): Merkblatt für Tierhalter - Mäuse. http://www.tierschutz-tvt.de/index.php?id=merkblaetter

 

Umweltbundesamt (2019): Hausmaus. https://www.umweltbundesamt.de/hausmaus#textpart-1

 

Wanless R. M., Angel, A., Cuthbert R. J., Hilton, G. M. & Ryan, P. G. (2007): Can predation by invasive mice drive seabird extinctions?. Biology Letters 3(3). S. 241–244. doi:10.1098/rsbl.2007.0120.