Vielzitzenmäuse

Die Gattung der Vielzitzenmäuse (Mastomys) ist über ganz Subsahara-Afrika verbreitet. Die acht verschiedenen Arten besiedeln die unterschiedlichsten Lebensräume und sind vereinzelt auch in der Nähe menschlicher Siedlungen zu finden. Namensgebend ist die Anzahl der Zitzen, die bei manchen Arten 24 erreichen kann.

Im Berliner Zoo und dem London Zoo wurden Vielzitzenmäuse bereits zu Anfang des letzten Jahrhunderts gezeigt. 1939 begann in Südafrika die Zucht als Labortier (vgl. Davis & Oettlé 1958). Deutsche Tierhändler konnten etwa ab den 1950er Jahren die ersten Vielzitzenmäuse anbieten. In der ersten Zeit waren sowohl in der BRD als auch in der DDR nur die flavistische Farbmorphe mit gelbem Fell und roten Augen erhältlich (vgl. Schmidt 1985). Im Jahr 1981 kamen die ersten wildfarbenen Tiere vom Budapester Zoo in den Ost-Berliner Tierpark (vgl. Haensel 1983), in Westdeutschland kamen die wildfarbenen Tiere wohl erst später an. Schmidt (1996) schreibt auch nach der Wiedervereinigung nur von gelben rotäugigen Tieren und hat keine Kenntnis davon, dass die Wildform erhältlich sein könnte.

Biologie

Es war früher üblich, die Vielzitzenmäuse den Echten Mäusen (Mus) oder auch den Echten Ratten (Rattus) zuzurechnen. Hin und wieder findet sich auch die Bezeichnung Vielzitzenratte in der Literatur. Im Englischen wird sie Multimammate Mouse oder auch African Soft-Furred Rat genannt. Letztere Bezeichnung verweist auf die ehemalige Zuordnung zur Gattung der Afrikanischen Weichratten (Praomys). Obwohl sie mit diesen wohl tatsächlich sehr nah verwandt sind, werden Vielzitzenmäuse in eine eigenständige Gattung Mastomys gestellt. (vgl. Wilson & Reeder 2005)

 

Bei der Literaturrecherche finden sich unterschiedliche Angaben darüber, welcher Art die außerhalb von Afrika gehaltenen und gezüchteten Vielzitzenmäuse angehören. Meistens wird eine dieser beiden Arten benannt:

  • Natal-Vielzitzenmaus, Mastomys natalensis, ursprünglich südliches Afrika, heute in ganz Afrika südlich der Sahara
  • Südliche Vielzitzenmaus, Mastomys coucha, südliches Afrika

Bei beiden Arten sind äußerlich kaum voneinander zu unterscheiden. Es handelt sich um mittelgroße Mäuse mit graubraunem Rückenfell. Das Bauchfell ist dunkelgrau mit hellen Haarspitzen, die Füße sind weiß. Der körperlange Schwanz ist oberseits und unterseits dunkel graubraun. Die Tiere haben große dunkle Augen und große unbehaarte Ohren. Weibchen haben 24 gut sichtbare Zitzen. M. coucha und M. natalensis sind nachtaktive Bodenbewohner und ernähren sich omnivor mit besonderer Vorliebe für Samen und Getreide. (vgl. Leirs 2014a/2014b)

 

Während sich die meisten Freilandstudien mit der als Ernteschädling weit verbreiteten Mastomys natalensis befassen, gründet der erste Labortierstamm auf Mastomys coucha. Über wildlebende Mastomys coucha gibt es nur wenige Informationen, da die Art in den meisten Untersuchungsgebieten sympatrisch mit M. natalensis vorkommt. In der Ratgeberliteratur für die Heimtierhaltung finden sich beide Bezeichnungen gleichermaßen. Es ist jedoch offensichtlich, dass es immer um die gleichen Tiere geht und Autoren sich gegenseitig zitieren, obwohl sie verschiedene Artnamen verwenden. Ebenso ist denkbar, dass es sich bei den Tieren in Europa um eine Mischpopulation handelt. Hierzu gibt es jedoch keinen Nachweis. Im Gegenteil erklären Venturi et al (2004) das Fehlen vom Hybriden im Freiland damit, dass die Arten eine unterschiedliche Chromosomenzahlen aufweisen.

Da selbst in wissenschaftlichen Beiträgen ein und die selben Labortiere in vollkommen austauschbarer Weise als  M. coucha oder M. natalensis bezeichnet werden, haben Kruppa et al (1990) hierzu eine Untersuchung (u.a. mit Chromosomenanalyse) angestellt. Es konnte nachgewiesen werden, dass es sich bei den Labortieren um die Südliche Vielzitzenmaus (Mastomys coucha) handelt. Dennoch sollen aus Gründen der Vollständigkeit beide Arten kurz vorgestellt werden.

Natal-Vielzitzenmaus (Mastomys natalensis)

Vielzitzenmaus Platinum
Platinum

Die Kopf-Rumpf-Länge beträgt durchschnittlich 10 - 11 cm. Der Schwanz ist etwa körperlang. Die Weibchen bleiben geringfügig kleiner und leichter als die Männchen. (vgl. Leirs 2014b)

 

Von allen Mastomys-Arten ist die Natal-Vielzitzenmaus (Mastomys natalensis) die der einzige Kulturfolger und konnte sich so ausgehend von den Savannen des südlichen Afrika über verschiedene Lebensräume beinahe ganz Subsahara-Afrikas ausbreiten. Sie bevorzugt tiefergelegene Gebiete mit ausreichend Niederschlag und ist in Grasland mit oder ohne Buschvegetation, Brachland und auf landwirtschaftlichen Flächen zu finden.  Die Natal-Vielzitzenmaus richtet vor allem in Mais- und Getreidefeldern ernsthafte Schäden an und dringt auch in den Dörfern in Häuser ein. In Städten fehlt sie meist aufgrund der Konkurrenz mit Hausratten (Rattus rattus) und Wanderratten (Rattus norvegicus). Haensel (1983) berichtet jedoch, dass auch eine friedliche Koexistenz mit der Hausratte beobachtet werden kann (siehe auch Schmidt 1985 über M. coucha).

 

Im Freiland ist sie vor allem in der ersten Nachthälfte, direkt nach Einbruch der Dunkelheit aktiv. M. natalensis nutzt natürlich entstandene Höhlen oder die Bauten von anderen Tieren als Unterschlupf, ist jedoch auch in der Lage selbst Baue zu graben. Sie gräbt ohne Mühe bis zu 50 cm tief, die Nestkammer befindet sich jedoch meist wenige Zentimeter unter der Erdoberfläche und ist mit zerschlissen, getrockneten Pflanzenteilen ausgepostert. Reviere sind etwa 1000m² groß und überlappen sich. Es ist keine Territoritalität festzustellen. Die Nahrung besteht aus Samen, Blättern und Stängeln von Gräsern und Kräutern. Ebenso nehmen sie Insekten und selten Aas auf. Samen und Getreide machen den größten Teil der Nahrung aus. M. natalensis ist vor allem als Schädling in Maisfeldern von Bedeutung. Die Tiere graben die Körner nach der Aussaat aus oder klettern an den Pflanzen empor, um Maiskolben zu erreichen. (vgl. Leirs 2014b)

Die Südliche Vielzitzenmaus (Mastomys coucha)

Die Südliche Vielzitzenmaus ist mit einer Kopf-Rumpf-Länge von durchschnittlich 10 cm und einer Schwanzlänge von 8,5 cm etwas kleiner als M. natalensis (vgl. Leirs 2014a). Sie ist vor allem im südlichen Afrika beheimatet. Hier ist M. coucha in Grasland, Baumsavannen, auf landwirtschaftliche Flächen selten auch innerhalb menschlicher Siedlungen bis zu einer Höhe von 1.600 m zu finden (vgl. Cassola 2016). Im Vergleich zur Natal-Vielzitzenmaus kommt die Südliche Vielzitzenmaus auch in eher trockenen Habitaten zurecht. Dennoch hat sie keine Bedeutung als Ernteschädling (vgl. Kräh 2019). Die gelbe oder chamois-farbige Mutation mit roten Augen (Pink Eye Dilution) ist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts bei einem südafrikanischen Laborstamm aufgetreten.

Vielzitzenmäuse als Haustiere

Vielzitzenmäuse werden seit Jahrzehnten als Labortiere und Futtertiere gezüchtet. Auf die flavstische Mutation mit gelbem Fell und roten Augen folgten eine im Vergleich zur Wildfarbe hellbraune Farbform mit hellen Ohren sowie eine dominante Scheckungsmutation, die homozygot und heterozygot jeweils verschiedene Ausprägungen zeigt. Als Bezeichnungen für die Farbschläge sind Agouti (+/+), Cinnamon (b/b), Argente (p/p) und Beige (b/b p/p) bekannt. Eine weitere eher gräuliche Farbschattierung mit leichter Auhellung der Augen wird teilweise mit Ruby Eyed (r/r) gekennzeichnet. Seit 2006 sind auch Platinum, High White oder PEW verbreitet. Bei diesen rein weißen Farbformen handelt es sich nicht um eigene Farbschläge sondern um durch Selektion entstandene homozygote Schecken, die keine Färbung des Haares mehr aufweisen. Platinum und High White haben schwarze Augen, wobei Platinum schwarze Ohren und High White blass rosafarbene Ohren aufweist. PEW (Pink Eyed White) hat rote Augen. [Mehr zur Farbgenetik: Kräh 2011]

Im Vergleich zu den Wildformen, sind domestizierte Vielzitzenmäuse deutlich größer und schwerer. Tiere mit einer Kopf-Rumpf-Länge von mehr als 11 cm und einem Gewicht zwischen 80 und 100 g sind keine Seltenheit. 

Haensel (1983) beschreibt die Vielzitzenmaus als eine relativ neue Art in der Heimtierhaltung, die nur in geringer Zahl angeboten und von wenigen Menschen gehalten wird. Gleichzeitig erklärt er, dass Mastomys widerstandsfähig und nicht sehr zugänglich (also: bissig) sei. Auch Schmidt (1985) beschreibt sie als scheu, wild und bissig. Schmidt (1996) nennt sie ebenfalls bissig und merkt an, dass die Tiere im Käfig kein Fluchtverhalten zeigen. Der vergleichsweise schlechte Ruf der Vielzitzenmaus hat sich in den vergangenen Jahrzehnten kaum geändert. Dennoch gibt es mittlerweile friedliche Stämme, die sich gut für die Heimtierhaltung eignen. Eine Zuchtauswahl auf Zahmheit und geduldiges Handling können zahme Vielzitzenmäuse hervorbringen, die sogar in der Lage sind, Kunststücke zu lernen. Dennoch werden sie selten so zahm und umgänglich wie Farbmäuse oder Farbratten und vereinzelt aufkommende Bisse können sehr schmerzhaft sein, sodass Mastomys nach wie vor als Liebhabertiere eher selten sind.

Haltung

Vielzitzenmäuse sind gesellige Tiere mit ausgeprägtem Sozialverhalten. In der Heimtierhaltung sollten also mehrere Tiere zusammenleben. Ehrlich (2006) empfiehlt die Haltung eines Paares, eines Harems oder einer gleichgeschlechtlichen Gruppe.  In Online-Communites und auf Informationswebseiten neueren Datums wird zur Haltung von großen Gruppen geraten, um dem geselligen Wesen der Vielzitzenmaus Rechnung zu tragen. Dem ist jedoch nur eingeschränkt zuzustimmen. Mit Blick auf die ausgeprägte Fruchtbarkeit der Tiere ist es nicht ratsam, eine gemischtgeschlechtliche Kolonie anzustreben: Schon ein Männchen und zwei Weibchen können innerhalb eines Monats bis zu 40 Jungtiere hervorbringen. Darüber hinaus kommt es bei der Haltung größerer (gemischt- oder gleichgeschlechtlicher) Gruppen häufig zu ernsthaften Auseinandersetzungen. Eine Gruppe von drei bis sechs Individuen hingegen verläuft meistens sehr friedlich und die Tiere zeigen ihr facettenreiches Sozialverhalten.

Vielzitzenmaus High White
High White

Genauso wie Farbmäuse und Farbratten sind Vielzitzenmäuse vor allem als Versuchstiere und Futtertiere verbreitet. Die Labor- und kommerzielle Zuchthaltung ist geprägt von einer hohen Individuenzahl auf sehr wenig Fläche. Hier finden Makrolonkäfige für Mäuse mit Abmessungen von 26 x 20 x 14 cm, 42 x 26 x 15 cm oder 59 x 38 x 20 cm (L x B x H) Verwendung. Auch Schmidt (1985) empfiehlt 40 x 20 x 30 cm für ein Paar oder eine kleine Gruppe. In der neueren Ratgeberliteratur werden die Mindestmaße etwas großzügiger: Dennoch werden die Ansprüche der Vielzitzenmaus geringer eingeschätzt als die von Stachelmaus (Acomys) oder Streifengrasmaus (Lemniscomys): Ehrlich (2006) empfiehlt für Mastomys ein Terrarium mit den Abmessungen 60 x 40 x 40 cm, während er für etwa gleich große Arten, die nicht als Labor- oder Futtertier bekannt sind, deutlich größere Mindestmaße angibt.

Um in der Heimtierhaltung Freude mit den Tieren haben zu können, empfiehlt sich die Haltung in Käfigen oder Terrarien mit größeren Abmessungen. So empfiehlt Noack (2019) für eine Gruppe von fünf bis sechs Tieren Abmessungen von mindestens 100 x 50 x 100 cm (L x B x H). Das Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren, sieht für zwei mittelgroße Mäuse 0,5 m² vor. Vielzitzenmäuse sind von dem Gutachten jedoch ausgenommen. (vgl. BMEL 2014)

 

Als Bodengrund eignen sich alle gängigen Streusorten von Baumwollstreu über Hanfstreu bis Weichholzhäcksel. Die Einstreu muss relativ häufig gewechselt werden, weshalb Erde oder Sand nicht in Betracht kommen. Neben verschiedenen Höhlen und Tunnels nutzen Vielzitzenmäuse Wurzeln und Obstbaumäste zum Klettern und Benagen. Der Nagetrieb ist ausgeprägt, sodass Einrichtungsgegenstände entweder sehr stabil sein sollten, oder oft erneuert werden müssen. Der Heimtierhandel bietet viele Möglichkeiten zur Einrichtung des Terrariums. Erhöhte Aussichtsplätze und besonders Hängematten werden von den meisten Tieren ebenso gerne genutzt wie Laufräder oder Laufteller.

Vielzitzenmaus High White
High White

Ernährung

Freilebende Vielzitzenmäuse ernähren sich vor allem von Samen und allen möglichen anderen Pflanzenteilen. Dazu kommt tierische Nahrung in Form von Wirbellosen. Normalerweise überfressen sich die Tiere nicht und verfetten in der Käfighaltung nur bei falscher Zusammensetzung des Futters und/oder mangelnder Bewegung.

 

Schmidt (1979) charakterisiert die Vielzitzenmaus als "nicht wählerisch" in Bezug auf die Ernährung, Haensel (1983) erklärt, sie seien zu füttern wie Ratten, wobei zusätzlich Insekten in großer Menge aufgenommen werden. Schmidt (1985) empfiehlt Hamster- oder Rattenfutter, Samen, Getreide, Knollen, Grünfutter, Insekten. Auch Ehrlich (2006) füttert eine handelsübliche Körnermischung für Nagetiere, Gemüse, Obst und Katzentrockenfutter.

 

Verschiedene Studien zeigen, dass eine Fütterung mit Samen und Getreide (50%), tierischer Nahrung (zum Beispiel in Form von Wirbellosen), grünen Pflanzenteilen und Gemüse der Ernährung im Freiland am nächsten kommt. Insbesondere bei der Zucht sollte auf einen Proteingehalt von 15% geachtet werden. (vgl. Kräh 2019)

 

Eine einfache Mischung bestehend aus Premium-Großsittichfutter und Rattenfutter im Verhältnis 1:1 ist eine sehr gute Basis, der verschiedene andere Saaten (Getreide, Hanfsamen, Leinsamen), getrocknetes Gemüse (Rote Beete, Karottenchips, Maisflocken) und getrocknete Kräuter (im Handel für Chinchillas erhältlich) hinzugefügt werden können. Tierisches Eiweiß sollte täglich angeboten werden. Lebende Insekten sind eine gute Beschäftigungsmöglichkeit für die Vielzitzenmäuse, einfacher ist es jedoch getrocknete Insekten oder Katzentrockenfutter direkt in die das Körnerfutter zu mischen. Auch Pelletfutter für die Laborhaltung von Mäusen und Ratten (15 % Rohprotein) entspricht den ernährungsphysiologischen Bedürfnissen von Vielzitzenmäusen und wird meist gut angenommen. Die omnivoren Mäuse vertragen alle möglichen Sorten von Speisegemüse und Obst. Sehr gut geeignet sind u.a. Fenchel, Möhre, Schwarzwurzel, Sellerie, Gurke, Zucchini, Apfel und Weintraube. Kräuter und andere Futterpflanzen können in der Natur gesammelt (Löwenzahn, Wegerich, Gänseblümchen), gekauft (Basilikum, Schönpolster) oder selbst aus gekeimten Futtersaaten gezogen werden.

zucht

Vielzitzenmäuse sind sehr außerordendlich reproduktiv. Sie können sich das ganze Jahr über fortpflanzen, wobei es im Freiland saisonale Schwankungen gibt. Kurz nach Regenperioden kommen mehr Würfe zur Welt, während im Winter die Fortpflanzung eingestellt wird. (vgl. Leirs 2014a/2014b; du Plessis et al 2016)

 

Nach einer Tragzeit von nur 21 - 22 Tagen bringt das Weibchen 10 - 12 Jungtiere zur Welt. Auch Würfe von 23 lebenden Jungtieren wurden bereits dokumentiert. (vgl. Ehrlich 2006; Leirs 2014b)
Die Welpen sind sind bei Geburt 1,0 - 1,7 g schwer (Schmidt 1985: 2,2 g), nackt und taub, jedoch bereits spärlich behaart. Mit 8 - 10 Tagen brechen die Schneidezähne durch und das Fell ist voll ausgebildet. Nach 14 - 15 Tagen öffnen sich die Augen und die mittlerweile 10 - 12 g schweren Jungtiere erkunden die Nestumgebung. Mit spätestens 3 - 4 Wochen sind junge Vielzitzenmäuse selbstständig und können von den Eltern getrennt werden. Nach 12 Wochen, oftmals jedoch bedeutend früher, sind sie geschlechtsreif. Da Weibchen kurz nach der Geburt wieder brünstig werden, kommt es bei dauerhafter Paarhaltung zu einer pausenlosen Wurffolge im Abstand von nur 3 bis 4 Wochen.

Für eine planvolle Zucht, empfiehlt sich, sowohl auf die dauerhafte Paarhaltung, wie auch die Haltung in großen gemischten Gruppen zu verzichten. Bei friedfertigen Linien ist es möglich, nach Geschlechtern getrennte Kleingruppen zu halten und Männchen und Weibchen für die Dauer eines Zuchteinsatzes in einem neutralen Käfig zusammenzuführen. Nach der Paarung kommen beide Partner wieder zurück in ihre jeweiligen Gruppen.

 

Für eine auf viel Nachwuchs ausgelegte Futtertierzucht wird oft ein Männchen mit mehreren Weibchen zusammengehalten. Auch hier kommt es zu permanent trächtigen Weibchen und je nach Besatzdichte auch oft zu Stress und Streitereien unter den Weibchen. Es ist ratsam, das Männchen mit höchstens drei Weibchen zusammen zu halten und die Zuchttiere regelmäßig auszutauschen bzw. nach Geschlechtern zu trennen, um die Wurfintervalle zu vergrößern und damit die Weibchen zu schonen.

 

Ein Zuchtsystem mit einem Männchen das zwischen mehreren Weibchengruppen rotiert, wie es bei der Farbmauszucht häufig praktiziert wird, kann bei Vielzitzenmäusen Probleme mit sich bringen. Weibchen reagieren oft feindselig gegenüber dem fremden Männchen, sodass es eher zu einem Kampf kommt, als zur Paarung. Abhilfe schafft die Anpaarung im Käfig des Männchens, das sein Revier meist nicht gegen Weibchen verteidigt. Dennoch ist insbesondere bei älteren Weibchen und jüngeren Männchen Vorsicht geboten.

 

Auch wenn Mastomys früher geschlechtsreif sind, sollte der Zuchteinsatz erst mit 12 - 16 Wochen beginnen. Es empfiehlt sich, immer die freundlichsten Tiere miteinander zu verpaaren, um wiederum möglichst freundliche Jungtiere zu erhalten. Die Paarung erfolgt meist sofort nach dem Zusammensetzen und spätestens nach drei Tagen ist das Weibchen trächtig. Wenige Tage vor der Geburt wiegen weibliche Vielzitzenmäuse etwa 100 g und beginnen mit dem Bau eines rudimentären Nestes. Die Jungen kommen meist nachts zur Welt. In den ersten Tagen nach der Geburt liegt das Weibchen die meiste Zeit auf den Jungtieren und säugt sie. Die Welpen werden gegenüber dem Menschen oftmals mit Bissen verteidigt. Der Wasser- und Futterbedarf des Muttertiers ist in der Säugezeit sehr stark erhöht.

 

Die Aufzucht eines Wurfes bedeutet für das Weibchen körperliche Strapazen. Während einige Züchter_innen der Auffassung sind, dass Weibchen eine angemessene Zuchtpause einhalten und bestenfalls keine zwei Würfe hintereinander haben sollten, entgegnen andere, dass die Zusammenführung und Trennung von Paaren und Gruppen kompliziert sein kann und in der Natur auch keine Wurfpausen eingelegt werden.

Betrachtet man die Anzahl der Würfe pro Zuchtsaison (maximal 4, vgl. Coetzee 1975) und die durchschnittliche  Lebenserwartung im Freiland (12 Monate, vgl. Leirs 2014b) ist es ratsam, Zuchttiere spätestens nach dem vierten Wurf nicht mehr zur Zucht einzusetzen.

mehr

 

BMEL. Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (2014): Gutachten über die Mindestanforderungen an die Haltung von Säugetieren.

 

Cassola, F. (2016): Mastomys coucha. The IUCN Red List of Threatened Species 2016: e.T12865A22425161. http://dx.doi.org/10.2305/IUCN.UK.2016-2.RLTS.T12865A22425161.en. (Letzter Abruf: 8. Dezember 2019).

 

Coetzee, C. G. (1975): The biology, behaviour, and ecology of Mastomys natalensis in southern Africa. Bull World Health Organ. 52(4-6): S. 637–644.

 

Davis, D. H. S. & A. G Oettlé (1958): The Multimammate Mouse, Rattus (Mastomys) natalensis Smith: A laboratory-adapted african wild rodent. https://doi.org/10.1111/j.1096-3642.1958.tb00689.x

 

du Plessis, J.; Russo, I.-R. M.; Child, M. F. (2016): Mastomys spp.–Multimammate Mouse. The Red List of Mammals of South Africa, Lesotho and Swaziland. https://www.ewt.org.za/wp-content/uploads/2019/02/32.-Multimammate-Mouse-Mastomys-spp_LC.pdf

 

Ehrlich, C. (2006): Kleinsäuger im Terrarium. Natur und Tier-Verlag.

 

Haensel, J. (1983): 100 Tips für den Kleinsäugerfreund. Urania Verlag.

 

Kräh, S. (2011): Farbgenetik Vielzitzenmäuse. https://ratfrett.jimdo.com/tiere/vielzitzenm%C3%A4use/farben/

 

Kräh, S. (2019): Studien: Ernährung von Vielzitzenmäusen. https://ratfrett.jimdo.com/2019/12/03/studien-ern%C3%A4hrung-von-vielzitzenm%C3%A4usen/

 

Kruppa, T. F.; Iglauer, F.; Ihnen, E.; Miller, K.; Kunstyr, I. (1990). Mastomys natalensis or Mastomys coucha. Correct species designation in animal experiments. Tropical Medicine and Parasitology. 41 (2): S. 219–20. PMID 2382103.

 

Leirs, H. (2014a). Mastomys coucha. Southern African Multimammate Mouse. In: Kingdon, J. (Hrsg.): Mammals of Africa. Bloomsbury Publishing.

 

Leirs, H. (2014b). Mastomys natalensis. Natal Multimammate Mouse. In: Kingdon, J. (Hrsg.): Mammals of Africa. Bloomsbury Publishing.

 

Noack, C. E. (2019): Afrikanische Vielzitzenmaus. https://das-maeuseasyl.de/arten/vielzitzenmaus/

 

Schmidt, G. (1985): Hamster, Meerschweinchen, Mäuse. Ulmer, Stuttgart.

 

Schmidt, H. (1979): Nagetiere. Lehrmeister Bücherei.

 

Schmidt, H. (1996): Rennmäuse und andere tropische Nager. Lehrmeister Bücherei.

 

Venturi, F.P. ; Chimimba, C.T.; van Aarde, R.J. & Fairall, N. (2004): The distribution of two medically and agriculturally important cryptic rodent species, Mastomys natalensis and M. coucha (Rodentia: Muridae) in South Africa. African Zoology Vol. 39(2): S. 235 - 245.

 

Wilson, D.E. & D. M. Reeder (Hrsg.) (2005): Mastomys. Mammal Species of the World. A Taxonomic and Geographic Reference. https://www.departments.bucknell.edu/biology/resources/msw3/browse.asp?s=y&id=1300146637